Der Häuptling im Raum: Macht transparent machen
„Warum hören alle auf mich, obwohl ich nichts sage?"
Der Häuptling sitzt mit am Tisch und sagt kaum etwas. Sein Schweigen ist lauter als jedes Wort. Und oft sitzt er sogar nur als „Geist" im Raum: „Wie verkaufen wir das denn XY?"
Das ist ein Klassiker in Familienunternehmen, Führungsteams und gewachsenen Strukturen. Der Häuptling ist immer da – auf dem Stuhl oder in den Köpfen.
Drei typische Dynamiken
1. Der Häuptling spielt mit und blockiert alles
Jede Idee wird innerlich erst bei ihm eingereicht, die Diskussion wird zum Theater. Das ist gelebte Anpassung statt Innovation.
2. Er ist nicht da, aber trotzdem überall
„Was wird XY dazu sagen?" Der Satz fällt nicht, aber schwebt über allem. So regiert das unsichtbare Publikum.
3. Er will loslassen und kann nicht
„Entscheidet ihr!" Aber sein Blick, seine Körpersprache sagen das Gegenteil, sein Schatten reicht in jeden Winkel.
Das Problem ist nicht die Macht. Das Problem ist: Sie wird nicht offen geklärt.
Die drei Formen von Macht
Viele Workshops starten mit einer wohlmeinenden Illusion: „Hier sind wir alle auf Augenhöhe!" Nein, sind wir nicht. Es gibt immer jemanden mit mehr Macht als andere.
1. Formale Macht
Hierarchie, Titel, Entscheidungsbefugnis. Sie ist sichtbar und deshalb oft die einfachste Form, mit ihr umzugehen.
2. Informelle Macht
Einfluss durch Erfahrung, Netzwerke, Wissen. Sie ist gefährlicher, weil unsichtbar.
3. Emotionale Macht
Die Fähigkeit, Stimmung zu beeinflussen, Vertrauen zu geben oder zu entziehen. Hier entscheidet sich, ob Menschen sich trauen, wirklich ehrlich zu sein.
Macht zu leugnen macht sie nicht kleiner. Sie wird dadurch nur unsichtbar und damit unsteuerbar.
Der bewusste Umgang mit Macht in der Facilitation
Was wir deshalb tun:
- Rollen klären
- Den Schatten adressieren
- Methodisch Strukturen schaffen
- Entscheidungsmacht transparent machen
- Dem Häuptling helfen, Macht anders zu nutzen
- Anderen Mut machen
Häuptlinge geben Macht nicht ab, aber können lernen, sie anders zu nutzen. Und Teams können lernen, produktiv damit umzugehen statt sich zu unterwerfen oder zu rebellieren.
Der Facilitator hat Macht über den Prozess und nutzt sie, um sichtbar zu machen, wo Macht wirkt, auszugleichen, wo sie ungleich verteilt ist, und zu schützen, wo sie missbraucht wird.
Die größte Versuchung ist, so zu tun, als hätte man selbst keine Macht. Das ist unehrlich und macht unglaubwürdig. Die größte Gefahr ist, so zu tun, als gäbe es keine Hierarchie, als sei der Workshop ein herrschaftsfreier Raum. Das ist Illusion und kostet Glaubwürdigkeit.