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Wenn Workshops scheitern: Warum gute Vorbereitung nicht reicht

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Meetingraum

„Das war doch wieder reine Zeitverschwendung."

Dieser Satz fällt erschreckend oft nach Führungsklausuren und Strategy-Offsites. 

Zwei Tage im Tagungshotel, professionelle Moderation, klare Agenda, ambitionierte Ziele und trotzdem wird sich nichts bewegen. Die gleichen Diskussionen, die gleichen Blockaden, am Ende ein Protokoll mit Vorsätzen, die verpuffen werden.

Was ist passiert?

Die 7 Fehler im Leadership-Offsite

Womit Zeitverschwendung im Offsite garantiert wird.

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Das unsichtbare Drama unter der Agenda

Es lag nicht am Inhalt. Die Themen waren relevant, die Strategie durchdacht, die Präsentationen gut vorbereitet. Aber unter der Oberfläche brodelte es: Ein Vertriebsleiter, der sich vom Geschäftsführer übergangen fühlt. Die Produktionsleiterin, die seit Monaten ihre Bedenken aus Angst verschweigt. Der CFO, der insgeheim längst innerlich gekündigt hat.

Alte Machtkämpfe, ungeklärte Rollen, verletztes Vertrauen, ungeschriebene Gesetze des Miteinanders. Nichts davon stand auf der Agenda. Aber alles davon war im Raum und wirkte.

Strategie ist das Sichtbare. Beziehungsdynamik ist das Unsichtbare.

Alle wissen: Solange das Unsichtbare ungeklärt ist, blockiert es das Sichtbare. Wenn Struktur- auf Beziehungsfragen treffen, fachliche Diskussionen zu Machtspielen werden und Schweigen lauter spricht als jedes Wort – dann wird nur eine Seite bearbeitet, während die andere unberührt bleibt.

Das Ergebnis? Schöne PowerPoint-Folien, ohne dass etwas passiert.

Das gilt übrigens auch umgekehrt: Teamcoachings, die nur auf Dynamiken und Beziehungen schauen, aber keine Inhalte und Prozesse berücksichtigen, erzeugen zwar schöne Stimmung und Gemeinschaftsgefühl, aber auch hier passiert nichts.

Beidhändige Facilitation: Das UND statt dem Entweder-Oder

Wirksame Workshops brauchen beides: Die rechte Hand für die Strategie, die Strukturen, die Entscheidungen. Die linke Hand für die Beziehungen, die Konflikte, das Vertrauen. Klausuren gelingen im Dazwischen.

Gute Facilitation gestaltet das UND, denn beide Hände sind gleichzeitig aktiv, weil beide Ebenen eben auch gleichzeitig im Raum sind.

Beidhändige Facilitation schafft den Raum für:

  • Sachliche Diskussion UND klärenden Dialog über Spannungen
  • Dialog über blockierende Machtdynamiken UND die beste Aufstellung für die neue Strategie
  • Spannungen und ihre Verwandlung in Wirksamkeitsenergie

Erst wenn beide Ebenen verbunden werden, kommt Bewegung.

Spannung: Der unterschätzte Treibstoff

„Warum fühlt sich das hier so zäh an?"

Selten liegt es daran, dass Spannung fehlt. Womöglich wird sie aber falsch genutzt. In jedem Workshop und in jedem wichtigen Gespräch ist Spannung. Die Frage ist nur: Wirkt sie produktiv oder destruktiv?

Haben Facilitatoren und Führungskräfte Angst vor Spannung, glätten sie, moderieren weg, lenken ab und wollen „erstmal sachlich bleiben." Dabei ist genau diese Spannung die Energie, die Bewegung erst möglich macht.

Spannung ist nicht das Problem. Sie ist der Treibstoff.

 

Die drei Formen von Spannung im Raum

1. Latente Spannung – die gefährlichste

Sie schwelt unter der Oberfläche. Alle spüren sie, keiner spricht sie an. Sie bindet enorme Energie, die dann für konstruktive Arbeit fehlt. Die Aufgabe als Facilitator: Sie sichtbar machen, nicht dramatisieren, aber benennen.

2. Offene Spannung – die heilsamste

Unterschiede werden klar benannt, Konflikte nicht versteckt, sondern transparent gemacht. Menschen beziehen Position, ohne den anderen abzuwerten. Das fühlt sich manchmal rau an, aber es ist ehrlich und damit arbeitsfähig. Die Aufgabe: Den Raum halten, aushalten und die Spannung produktiv kanalisieren.

3. Transformierte Spannung – die wirksamste

Aus dem Gegeneinander wird ein Miteinander, das nicht auf Harmonie, sondern auf Klärung basiert. Menschen nutzen ihre Unterschiede, statt sie zu bekämpfen. Das ist der Moment, in dem Spannung zu Wirksamkeitsenergie wird.

Was das konkret für Facilitation bedeutet

  • Gehe bewusst in Spannungen hinein, statt sie zu umschiffen.
  • Unterscheide zwischen produktiver und destruktiver Spannung.
  • Halte den Raum, damit Menschen ihre Positionen klären können.
  • Nutze die Energie der Differenz für neue Lösungen.
  • Benenne, wenn Spannung vermieden wird: „Was kostet es euch, das nicht anzusprechen?"
  • Erliege nicht der Versuchung, Spannung wegzumoderieren.

Die Herausforderung dabei ist, selbst ruhig zu bleiben, wenn es ungemütlich wird, nicht in Aktionismus zu verfallen oder retten zu wollen, sondern Vertrauen in die Tragfähigkeit der Spannung zu haben.

Spannungen im Workshop

Das Spannungs-Radar

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Der Häuptling im Raum: Macht transparent machen

„Warum hören alle auf mich, obwohl ich nichts sage?"

Der Häuptling sitzt mit am Tisch und sagt kaum etwas. Sein Schweigen ist lauter als jedes Wort. Und oft sitzt er sogar nur als „Geist" im Raum: „Wie verkaufen wir das denn XY?"

Das ist ein Klassiker in Familienunternehmen, Führungsteams und gewachsenen Strukturen. Der Häuptling ist immer da – auf dem Stuhl oder in den Köpfen.

Drei typische Dynamiken

1. Der Häuptling spielt mit und blockiert alles

Jede Idee wird innerlich erst bei ihm eingereicht, die Diskussion wird zum Theater. Das ist gelebte Anpassung statt Innovation.

2. Er ist nicht da, aber trotzdem überall

„Was wird XY dazu sagen?" Der Satz fällt nicht, aber schwebt über allem. So regiert das unsichtbare Publikum.

3. Er will loslassen und kann nicht

„Entscheidet ihr!" Aber sein Blick, seine Körpersprache sagen das Gegenteil, sein Schatten reicht in jeden Winkel.

 

Das Problem ist nicht die Macht. Das Problem ist: Sie wird nicht offen geklärt.

 

Die drei Formen von Macht

Viele Workshops starten mit einer wohlmeinenden Illusion: „Hier sind wir alle auf Augenhöhe!" Nein, sind wir nicht. Es gibt immer jemanden mit mehr Macht als andere.

1. Formale Macht

Hierarchie, Titel, Entscheidungsbefugnis. Sie ist sichtbar und deshalb oft die einfachste Form, mit ihr umzugehen.

2. Informelle Macht

Einfluss durch Erfahrung, Netzwerke, Wissen. Sie ist gefährlicher, weil unsichtbar.

3. Emotionale Macht

Die Fähigkeit, Stimmung zu beeinflussen, Vertrauen zu geben oder zu entziehen. Hier entscheidet sich, ob Menschen sich trauen, wirklich ehrlich zu sein.

Macht zu leugnen macht sie nicht kleiner. Sie wird dadurch nur unsichtbar und damit unsteuerbar.

 

Der bewusste Umgang mit Macht in der Facilitation

Was wir deshalb tun:

  • Rollen klären
  • Den Schatten adressieren
  • Methodisch Strukturen schaffen
  • Entscheidungsmacht transparent machen
  • Dem Häuptling helfen, Macht anders zu nutzen
  • Anderen Mut machen

Häuptlinge geben Macht nicht ab, aber können lernen, sie anders zu nutzen. Und Teams können lernen, produktiv damit umzugehen statt sich zu unterwerfen oder zu rebellieren.

Der Facilitator hat Macht über den Prozess und nutzt sie, um sichtbar zu machen, wo Macht wirkt, auszugleichen, wo sie ungleich verteilt ist, und zu schützen, wo sie missbraucht wird.

Die größte Versuchung ist, so zu tun, als hätte man selbst keine Macht. Das ist unehrlich und macht unglaubwürdig. Die größte Gefahr ist, so zu tun, als gäbe es keine Hierarchie, als sei der Workshop ein herrschaftsfreier Raum. Das ist Illusion und kostet Glaubwürdigkeit.

Macht im Workshop

Tools zur gelungenen Macht-Balance im Workshop

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Die entscheidenden Fragen

Facilitation heißt: Mit beiden Händen in die Spannung gehen und die Machtdynamik sichtbar machen, ohne anzuklagen und ohne zu dramatisieren. Dabei den Raum halten, in dem aus Spannung Wirksamkeitsenergie wird.

Die Frage ist also nie: Brauchen wir ein Offsite?

Sondern:

  • Sind wir bereit, das zu bearbeiten, was wirklich wirkt und unter der Wasseroberfläche versteckt liegt?
  • Sind wir bereit, neben Strategien auch über das zu reden, was in der Tiefe das Spiel verändern würde?
  • Sind wir bereit, Räume zu schaffen, in denen Spannung und Klärung möglich wird?
  • Sind wir bereit, uns spiegeln und herausfordern zu lassen, um uns einen Schritt ins Bessere zuzumuten?

Sind wir also bereit für Workshops, die wirklich transformieren?